Creative Commons LizenzvertragSendungen, Artikel: CC BY-NC-ND 3.0 DE | D. O. abonnieren (RSS) | 15-Sep-2019 - UTC

Geldverdienen um jeden Preis?

Protest gegen Bundeswehr-Präsenz am Hessentag 2010. Foto © Michael Schulze von Glaßer, Autor des Buches "Soldaten im Klassenzimmer" und "An der Heimatfront"

Protest gegen Bundeswehr-Präsenz am Hessentag 2010. Foto © Michael Schulze von Glaßer, Autor des Buches „Soldaten im Klassenzimmer“ und „An der Heimatfront“

Auf der einen Seite demonstrieren junge und ältere Menschen bundesweit gegen Präsenz der Bundeswehr in der Zivilgesellschaft und an Schulen. Bei einer Jobmesse in Hannover waren unique planet und Schule ohne Militär Hannover zur Stelle mit der Botschaft, Bundeswehr ist „Karriere Tod“. Auf der anderen Seite wirbt die Bundeswehr verstärkt um Nachwuchs. Ganz einfach ist es für beide nicht: es gibt Bedarf an Friedensfachkräften und entsprechende Ausbildungen, doch Arbeit innerhalb der Friedensbewegung ist in der Regel unbezahlt, und welchen Stellenwert die Friedensbewegung in der Gesellschaft hat, ist allgemein erkennbar.
„Das Gehalt“ sei das Lockmittel, sagte ein Bundeswehr-Mitarbeiter gegenüber Frontal 21. Die Bundeswehr wirbt intensiv, auch kostenintensiv. Man müsse ehrlich darüber sein, so der Bundeswehr-Mitarbeiter im Frontal 21-Interview, dass Dienst bei der Bundeswehr bedeuten kann, „Leben zu nehmen“ oder selbst zu sterben. Doch: Dienst macht Laune ist der Tenor der action-, spaß- und eventgeladenen Werbung um Nachwuchs für die Bundeswehr. Im Mai 2011 ging Oliver Trenkamp für den SPIEGEL auf die märkische Bildungsmesse, vorbei an der Arbeitsagentur, hin zum Bundeswehr-Stand. Reaktion auf eine Briefaktion des Verteidigungsministeriums: lau. 2011 meldete die Financial Times Deutschland ein „Spitzentreffen“ des Verteidigungsministers (zu Guttenberg) mit „Vertretern der Wirtschaft“, um dem Nachwuchsproblem zu begegnen. Das war kurz bevor zu Guttenberg seine Ämter wegen der Plagiats-Affäre niederlegte.
Nicht nur die Bundeswehr war Gast bei Mercedes-Benz auf der hannoverschen Jobmesse. Aussteller waren (Groß-)Unternehmen, die sich auch bei den „Career Dates“ wiederfinden, Bezeichnung und PR der Veranstaltungen weist auf die Zielgruppe hin. Wohin also mit „dem Rest“, der nicht zu Mercedes-Benz, der Bundeswehr, LIDL beispielsweise oder zur Allianz kann oder möchte? Als der Autor Michael Schulze von Glaßer auf einer Veranstaltung der Initiative „Schule ohne Militär Hannover“ seine detaillierten Recherchen zu Werbestrategien der Bundeswehr vorstellte, sagte ein unique planet-Aktiver: „Es gibt Berufsalternativen noch und nöcher!“

Kaufmännische Berufe sind besonders beliebt – verständlich, warum das so ist: hohe Anerkennung, keine harte, körperliche Arbeit, oft guter Verdienst. Für welches Unternehmen entscheiden sich junge Menschen, und warum?

Der Celler Trialog beispielsweise ist ganz offen eine Veranstaltung von und für Politik, Wirtschaft, Bundeswehr – es gibt Unternehmen gleicher oder ähnlicher Branchen, die nicht auf solchen Veranstaltungen vertreten sind. Bei welcher Firma werde ich Mechatroniker, bei einer, die im Rüstungsgeschäft aktiv ist, oder suche ich eine andere Branche? Bei welcher Bank werde ich Bankkaufmann- oder Frau? Berufswahl ist keineswegs einfach, aber sie ist, wie der Name sagt, eine Wahl.

Handwerkliche Berufe stehen zur Auswahl, und Handwerker werden immer gebraucht. Zur Orientierung und zum Sammeln wertvoller Erfahrungen nützt der Bundesfreiwilligendienst, der in verschiedenen Bereichen von Kultur über Umweltschutz bis zum sozialen Bereich geleistet werden kann. Ist Abitur wirklich der Königsweg und sind HauptschülerInnen vielleicht besser als ihr Ruf? „Ich war auch Hauptschüler – heute bin ich Meister“, sagt ein Vater gegenüber dem Kölner-Stadt-Anzeiger. Eines der Hindernisse auf dem Weg zum Beruf ist die Wahl des geeigneten Berufs, und eine Voraussetzung der Wahl ist, sich selbst, seine Neigungen und Fähigkeiten gut genug zu kennen. Das können auch künstlerische, schriftstellerische oder musische Fähigkeiten sein, die beruflich vielfältig eingesetzt werden können. Nicht jede/r wird nach Ausbildung zum Fotograf erfolgreich als Fotograf oder Fotojournalist, kann aber u. a. MediengestalterIn (Digital- und Printmedien) oder BildredakteurIn werden. Dass auch die Landwirtschaft für junge Menschen keineswegs unattraktiv ist, zeigt die Landjugend oder die junge Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft. Und wer Action und Auslandsaufenthalte sucht, könnte genausogut zu medico international oder einer anderen, international tätigen Organisation gehen.
Die Frage nach zivilen Ausbildungsmöglichkeiten führt auf ein weites Feld.

Anm. D. O. 07.06.2012 zum weiten Feld der zivilgesellschaftlichen Berufe:… noch mehr actionreiche Möglichkeiten wären RettungssanitäterIn, Feuerwehrmann- oder Frau, Industriekletterer. Das Technische Hilfswerk bietet grundsätzlich ebenfalls die Möglichkeit zu Auslandseinsätzen – und viel „coole Technik“, wie es im Pseudo-Jugendsprech gelegentlich heißt. Auch auf See muss nicht jede/r fremde Gewässer wie vor Somalia überfischen, und Alternativen zur Marine gibt es.

Wer sich dennoch für die Bundeswehr entscheiden möchte, kann sich mit Kritikern aus eigenen Reihen unterhalten, um besser auf Nachteile und Konflikte des Berufs Soldat vorbereitet zu sein: Ansprechpartner könnte das „Darmstädter Signal“ sein. Oder Autoren wie Andreas Timmermann-Levanas – „Die reden, wir sterben„. Was ein Auslandseinsatz, wie z. B. in Afghanistan bedeuten kann, beschrieb Achim Wohlgethan. Und: Dass das US-Militär Uran-Munition eingesetzt hat und einsetzt, wird häufig verschwiegen oder verharmlosend erwähnt, vor den verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt warnt kein Massenmedium. All das sollte man/frau vorher wissen und überdenken. Eine Website, die eher Pro-Bundeswehr informiert, ist „Soldatenglück„.

Der Artikel wurde September 2016 noch einmal überarbeitet.

von: Sylvia Schmidt veröffentlicht am 5. Juni 2012
Themen - Kategorien: Frieden, Gesellschaft, Notrufe, Kriege, Krisen, Politik - Deutschland, Umweltschutz, Weltweit, Wirtschaft
Stichworte: Schlagwörter: , , , , , ,
Artikel, Sendung:
Creative Commons Lizenzvertrag
Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz

zurück zur STARTSEITE




... für alle, die noch mehr Zeit zum Stöbern haben: