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Sendung 22.Januar.2015. Wie werde ich Demokrat?

Ägypten 2011, kurz vor dem Rücktritt Mubaraks. © 2011 Essam Sharaf CC BY Wikimedia Commons. Ägypten 2011 - eine ganz andere Ausgangssituation als in Deutschland 1945

Ägypten 2011, kurz vor dem Rücktritt Mubaraks. © 2011 Essam Sharaf CC BY Wikimedia Commons. Ägypten 2011 – eine ganz andere Ausgangssituation als in Deutschland 1945

Jedes Land muss eigene Wege in die Demokratie finden. Gibt es ein Patentrezept? Müssen Menschen Demokratie lernen? Wenn ja, wie? Tatsächlich gibt es Lehrprogramme. Deutschland 1945 war jedoch ein völlig anderer Fall als Länder der Arabischen Welt, die sich 2011 selbst von Diktaturen befreiten. In Deutschland hatte man es mit sehr vielen „Herrenmenschen“ zu tun, die Expansionskriege geführt und Massenmorde durchgeführt hatten, oder die Mitläufer waren. Doch hatte andererseits die Weimarer Republik 1919-1932 bewiesen, dass es sehr wohl demokratische Kräfte gab. Hitler’s NSDAP war zuerst nicht mal im Reichtstag vertreten.

Nach Kriegsende 1945 wurden Umerziehungsprogramme gestartet. Die Menschen sollten demnach nicht auf die Knie fallen, sondern zu aufrechten, friedlichen, mündigen, partnerschaftlich handelnden Bürgern, auch zu gleichberechtigten Frauen erzogen werden. Darin sind diese alten Lehrfilme teils heute noch aktuell! Fraglich ist dennoch, wie erwünscht aufrechte Bürger wirklich waren, und heute erwünscht sind. Die Filme vermitteln auch gesellschaftlichen Konsens der Zeit, etwa wie sich die Jugend verhalten sollte. Die Lehrfilme der Westalliierten unterschieden sich teilweise in ihrer Orientierung. Und natürlich gab es Unterschiede zwischen Filmen der Westalliierten und den DEFA-Wochenschauen der Sowjetzone und späteren DDR. Eine Sendung hieß „Der Augenzeuge“. Anfangs tauschten West und Ost auch noch Filme oder Szenen aus …

Stichwort DDR: wie empfanden Ostdeutsche ihre Lebenssituation zur Wendezeit und danach? Die SED nannte den Staat Deutsche Demokratische Republik, errichtete aber eine Diktatur – wenn auch eine ganz andere als die der Nazis. Was hätten sich die Menschen nach 1989 gewünscht? Wie ging es auch mit ihnen selbst weiter? RADIO CORAX aus Halle hat für die Serie „Wendefokus“ viele Gespräche geführt. Oppositionelle kamen genauso zu Wort wie ehemalige SED-Kader …

Sendung anhören oder runterladen – Länge: 38:10 Min. Dateigröße: 60,7 MB

Sylvia Schmidt / Demokratie Online, 2015. CC BY-NC-ND. demokratie-online.net + demokratie-online.info seit Aug. 2016. O-TÖNE: absolut MEDIEN / Dieter Reifarth + Welt im Film u. Blick in die Welt, Wochenschauen der Westallierten nach 1945. Von Radio Corax Ausschnitte der Serie WENDEFOKUS. Musik: The Remixin‘ Blues, von unreal_dm u. Admiral Bob, CC BY

Zum Vergleich: Lehrmedien des FWU-Institutes, bzw. die DVD „Sieger und Besiegte im Nachkriegsdeutschland 1945 – 1950“, sie enthält auch Ausschnitte der DEFA-Wochenschauen. Und der Vergleich mit heutigen Lehrfilmen? HIER ein Beispiel zum Thema Grundrechte, Produktion: „die Multivision“.


Frage zum Abschluss: hätte es in beiden Deutschlands weniger NS-Kontinuität gegeben, wenn die SED neonazistische Gewalttaten öffentlich diskutiert hätte, und wenn die im Kalten Krieg verstrickten Westalliierten beim Entnazifizieren wirklich konsequent gewesen wären? Hätten NS-Opfer bei konsequenterer Aufarbeitung weniger hart und lang um Entschädigung kämpfen müssen? Würde es eine NPD geben, die ihre Nähe zur NSDAP immer wieder zeigt? Gäbe es Pegida und die besonders hohe Aufmerksamkeit der Medien und Politik – für Proteste, die Menschen gezielt ausgrenzen und diffamieren?


Hinweise zur deutschen NS-Geschichte, der Vorgeschichte und die „wie kann so etwas passieren“-Diskussion. Mit nachträglichen Ergänzungen vom 28.Januar.2015: HIER erstmal eine Übersicht der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bis hin zur – vorerst endgültigen – Errichtung der Diktatur 1933 – Dokumentation des VVN-BdA, einer von Buchenwald-Überlebenden gegründeten Organisation. „Lernen aus der Geschichte“ heißt ein Portal, das auch Bezug zur Gegenwart herstellt, zum Beispiel zum Thema Diskriminierung. Das Zeitzeugenportal „Gedächtnis der Nation“ umfasst die Zeit der Weimarer Republik bis heute. Der Hessische Rundfunk sprach mit Zeitzeugen über Erziehung in der Kaiserzeit und danach.
HIER eine Übersicht der längeren Geschichte des Antisemitismus, d. h. der Verfolgung der Glaubensgemeinschaft der Juden (nicht Rasse, wie die Nazis behaupteten!). Antisemitismus gab es schon vor der Nazizeit, und das nicht nur in Deutschland. Genauso entstand die so genannte Eugenik, „Rassenhygiene“ und der Plan einer Euthanasie, d. h. der Tötung vermeintlich minderwertigen Lebens, schon vor der Nazizeit. Im Prinzip basieren solche pervertierten Ideen auf dem Glauben, dass es einen Lebenskampf gäbe, in dem nur die Stärksten, die Durchsetzungsfähigsten überleben würden. Damit hatte man aber auch den Evolutionstheoretiker Charles Darwin völlig missverstanden – HIER entsprechende Zitate des Wissenschaftlers. Darwin’s Evolutionstheorie wurde damals kriegerisch interpretiert, und der Glaube an einen „Lebenskampf“, an die Notwendigkeit von Konkurrenzkampf, hält sich bis heute in aller Welt.


Götz Aly gehört zu denen, die sich mit der Frage „wie konnte es dazu kommen“ befassten, ebenso Daniel Jonah Goldhagen, der über „Hitler’s willige Vollstrecker“ und Völkermorde der Weltgeschichte schrieb. In „Schlimmer als Krieg“ beschrieb Goldhagen neben dem Holocaust viele Völkermorde, so auch den Abwurf von Atombomben oder den Völkermord in Ruanda. Goldhagen zeigt Merkmale auf, die Völkermorde gemeinsam haben, etwa die völlige Entmenschlichung der Opfer und die Hemmungslosigkeit, mit der man gegen sie vorging. HIER ein Vergleich mit dem Völkermord in Kambodscha.

Über „das Erlebnis absoluter Macht“ sprachen Historiker Hans Heer und Sozialpsychologe Harald Welzer. Historiker Wolfram Wette HIER im Interview DIE ZEIT zu den Ostfeldzügen der deutschen Wehrmacht und zur Aufarbeitung (…) nach 1945. Ein Zeitzeuge der deutschen Angriffe auf Polen und der Vernichtung von Juden sagt: „Fragt mich!“. Und schon anhand von Zitaten aus Adolf Hitler’s Buch „Mein Kampf“ geht ganz klar hervor, dass die Nazis Eroberungskriege führen wollten. 1936 formulierte Hitler es so: „Wir sind überbevölkert und können uns auf der eigenen Grundlage nicht ernähren (…) Die endgültige Lösung liegt in der Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes.“ Es sei hier auf gegenwärtige Verteidigungspolitik Deutschlands verwiesen, die keineswegs mit dem Naziregime vergleichbar ist, bis auf die entfernte Parallele, das man Krieg aus wirtschaftlichen Motiven (Boden, Rohstoffe) führen dürfe … Damals wurden prinzipiell ganz ähnliche Ängste vor Knappheit und Konkurrenzkampf geschürt wie heute.

Das alles sind Beispiele von Aufarbeitung und Dokumentation. Einen ganz anderen Weg ging Autor Morton Rhue mit seinem Jugendbuch „Die Welle“.. Es basiert auf einem Experiment, das ein US-amerikanischer Lehrer tatsächlich durchgeführt hatte. In „Die Welle“ versucht ein Lehrer, Atmosphäre der NS-Zeit nachzuspielen, die Schüler zusammenzuschweißen und zu disziplinieren. Er vermutete, dass es auch an einer US-amerikanischen Schule möglich sei, die Jugend auf eine Diktatur einzuschwören.


EIN BESONDERES BEISPIEL VON UMERZIEHUNG fand im britischen Kriegsgefangenenlager Featherstone Park statt: von jüdischen Flüchtling (und anschl. britischem Offizier) Herbert Sulzbach initiiert, von der Regierung befürwortet, war Featherstone Park ein Lager, in dem Völkerverständigung möglich gemacht wurde. Tatsächlich entstanden britisch-deutsche Freundschaften.


… das war Realität in Deutschland zwischen 1933 – 1945 und danach, was die Aufarbeitung oder Entschädigung betraf: HIER eine Dokumentation der durchorganisierten Zwangsarbeit und des Massenmordes in deutschen Konzentrationslagern (Achtung – Fotos der KZ-Befreiungen). Außerdem filmten sowjetische Frontkameraleute das Vernichtungslager Auschwitz (HIER Originalaufnahmen, Achtung bitte), nachdem sie es am 27.Januar.1945 befreit hatten. HIER eine Liste des gesamten NS-Lagersystems. Über Zwangsarbeit in der NS-Zeit gibt es HIER mehr Informationen und eine Linkliste mit weiteren Quellen. HIER eine Liste vor allem von „Zivilarbeiterlagern“ und profitierenden, deutschen Unternehmen. Sehr eng kooperierten beispielsweise die Firmen der IG Farben mit dem NS-Regime. Sehr zäh bis erfolglos verliefen Verhandlungen um Entschädigung – HIER Beispiele, ebenso HIER. Es war Leuten wie u. a. Fritz Bauer zu verdanken, dass ab 1963 (!) überhaupt die Auschwitz-Prozesse stattfanden.


Doch die Aufarbeitung, die Rückschau ist nur ein Teil. Die Grundlagen unserer Demokratie in Deutschland sind errichtet und relativ solide. Es muss noch viel Feinarbeit geleistet werden, zumal Neonazis weiterhin öffentlich auftreten und / oder Demonstrationen durchführen dürfen. Hier eine Übersicht weiterer Demokratielehrprogramme:


Sendung anhören oder runterladen – Länge: 38:10 Min. Dateigröße: 60,7 MB

alle Infos zur Sendung siehe erster Teil des Artikels

Ergänzung vom Januar 2017: Niklas Frank, Sohn des „Schlächters von Polen“, einem Nazi der frühen Stunde, hält die Entnazifizierung für gescheitert und zieht die Verbindung zu den brennenden Flüchtlingsheimen heute …


Ergänzung im Juli 2018: im IPG-Journal stellte Ian Buruma die Frage, ab wann es zu spät ist, Demokratie zu verteidigen – „Was vor ein paar Jahren noch unvorstellbar war, ist jetzt fast normal geworden (…) Auch Sebastian Haffners Memoiren Geschichte eines Deutschen (…) handeln von der menschlichen Unfähigkeit, Entwicklungen zu erkennen. Haffner (…) war damals als Jurastudent Zeuge, wie die Nazi-Diktatur – ebenso wie die Verfolgung der Juden in Italien – nach und nach immer tödlicher wurde. Er sah, wie seine Kommilitonen, die keine Nazis waren, all diese rechtlichen Schritte – Rassengesetze, die Aufhebung der Verfassung usw. – allein deshalb akzeptierten, weil sie in juristischen Begriffen verfasst waren.“
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Die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz trauert um Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann, der Jahrzehnte für Rehabilitierung und Würde der Deserteure gekämpft hatte, gegen NS-Kontinuität in der Politik, der Rechtssprechung, der Gesellschaft …


von: Sylvia Schmidt veröffentlicht am 22. Januar 2015
Themen - Kategorien: D. O. - Sendungen, Podcasts, Gesellschaft, Neonazis und NS-Kontinuität, Notrufe, Kriege, Krisen, Politik - Deutschland, Politik - International, Wirtschaft
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