Creative Commons LizenzvertragSendungen, Artikel: CC BY-NC-ND 3.0 DE | D. O. abonnieren (RSS) | 17-Dec-2018 - UTC

Chemiewende

Die Silfra-Spalte in Island (Foto © Thomei08/Sternzeichen Kiwi, 2012 - PD, Wikimedia Commons)

Foto © Thomei08/Sternzeichen Kiwi, 2012 – PD, Wikimedia Commons. Die Silfra-Spalte in Island ist ein Taucherparadies zwischen zwei Kontinentalplatten (Video: DW/Euromaxx, 2013). Das trinkbare Mineralwasser (!) ist so klar, dass man rund 100 m in die Tiefe sehen kann (Padi, 2018). Es stammt von einem Gletscher und wurde Jahrzehnte lang durch poröses Lavagestein gefiltert. Wie kann Industrie mit Naturschutz zusammengehen?

Von einer Chemiewende wird seltener gesprochen. Unser Alltag ist ohne Chemie kaum denkbar: das geht vom Autositz über Kleidung oder Reinigungsmittel bis zur Zahnpasta. Sogar der Verband der chemischen Industrie räumt ein, dass Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz die Richtung vorgeben. Grüne Chemie wird Studierenden „als verhältnismäßig neues Leitbild“ vermittelt, so die Humboldt-Universität zu Berlin. 2017 fand an der FU Berlin ein Innovationsmarathon Chemiewende statt (Info der Gesellschaft deutscher Chemiker). Am Standort Straubing erforscht man Biomasse statt Erdöl als Rohstoff (Chemanager Online, 2017). Aufruf an die Landwirtschaft, Massen zu liefern … HIER ein D.O.-Artikel über Biokunststoffe. Alternativ könnten aber kleinere, biodiverse Betriebe Rohstoffe über Erzeugergemeinschaften liefern …

Das Beispiel Polyurethane zeigt, wie unterschiedlich Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Ressourceneffizienz verstanden werden. Es zeigt aber auch die Kreativität der Branche. Polyurethane (Info vom Branchenverband ISOPA) sind in Schuhen, Dämmplatten, Polstern, Klebstoffen, Reifen … Bayer-Tochter Covestro verwendet teilweise CO2 statt Erdöl, um Polyole herzustellen, in dem Fall als Vorprodukt von PUR-Weichschaumstoff. Der Konzern wirbt mit einem CO2-Traum. Kritische Chemiker sehen mehr PR als Innovation und Klimaschutz (chemiewende.de). Und zumindestens in der PUR-Schaumstoffherstellung ist CO2 schon Treibmittel seit dem FCKW-Verbot (Maschinenbau-Wissen.de).

„Es gibt nur ein System, das CO2 nachhaltig und mit regenerativer Energie in komplexe chemische Stoffe umwandelt: Pflanzen in einer intakten Biosphäre“

spottet ein Chemiker und mittelständischer Naturfarben-Unternehmer. Ein anderer Chemiker und mittelständischer Unternehmer verkauft konsequent ökologisch produzierte Wasch-, Spül-, Körperpflege- und Reinigungsmittel auch international. Focus Online berichtete 2017.

Die Branche reagiert schon länger auf den Weckruf. Auch bei den Polyolen (Info PCC / Firmenwebsite, was das ist). Auf Baumharz basiert Tallöl aus der Papierherstellung, es ist entweder Abfall oder Grundstoff für Bauschaum und Bodenbelag (MDR). Polyole können aus Pflanzenöl oder Lignin bestehen (Wikipedia). Es gibt Recycling-Polyole (DBU). Die Liste der Alternativen für alle möglichen Lebenslagen sprengt den Rahmen. Da ist Kohle aus Grünabfällen, die „fast die gleichen Eigenschaften“ hat wie Braunkohle (Bericht Spiegel Online, 2013). Oxalsäure für Reinigungsmittel aus Roter Beete (taz, 2014) – die Firma einer Gebäudereiniger-Meisterin liefert auch an Großverbraucher in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Andere beschäftigt die Frage, ob Recycling tatsächlich umweltschonend ist, hier Infos der Recyclat-Initiative. Warum sollte man auf und in erdölbasiertem Kunststoff schlafen, wenn es gesünder geht (Übersicht Produkte und Hersteller auf utopia.de)? Kunststoffe müssen als Dämmstoff zum Brandschutz chemisch behandelt werden. Das vom Mittelmeer oder von der Ostsee angespülte Seegras ist von sich aus schwer entflammbar (bauen.de) und es bringt weitere, nützliche Eigenschaften mit. Ein internationales Forschungsteam erprobt Bambus und Pilzmycel als Ersatz für Stahl und Beton (Bioökonomie BW, 2017). Im Gespräch ist tatsächlich auch eine Bauwende (Factor Y-Magazin, 2017)

Es ist umstritten, ob im Labor erzeugte Aromen und Stoffe besser sind als Druck auf die Produzenten auszuüben, damit Erdbeergeschmack wirklich von Erdbeeren kommt und nicht von Sägespänen und Mikroorganismen (Focus Online). Fleischersatzprodukte gibt es nicht ohne Gewürze, Aromen und Zusatzstoffe (detektor.fm). Und auch sie können von Recycling-Kunststoffverpackung Mineralölrückstände aufnehmen. Ebenfalls kein einfaches Thema ist, wie weit Wirtschaft, Großverbraucher und Privatverbraucher Tempo und Mengen runterfahren müssen – und wollen.

Buriganga-Fluss in Dhaka, Bangladesh. Foto Hasan Raihan, 2012. CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

Der Buriganga-Fluss in Dhaka, Bangladesh. Foto © Hasan Raihan, 2012. CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons. Der „Daily Observer“ aus Bangladesch beschrieb den Fluss 2018 als Müllhalde für alle nur erdenklichen Abfälle und Abwässer. Zu den Hauptverursachen zählen die Gerbereien der Lederindustrie, von denen einige lediglich verlegt wurden. Leder kann auch aus Zunderschwamm hergestellt werden, ein in Rumänien (Der Tintling, 2009 – PDF) oder Deutschland bekanntes Verfahren (Herstellerinfo)

Noch einmal zu Bayer/Covestro und dem CO2-Traum. Wie beim Herbizid-Wirkstoff Glyphosat werden Hilfsstoffe in der Öffentlichkeit seltener diskutiert. Der Covestro-Sprecher erwähnte Propylenoxid als „Reaktionspartner“. Der Stoff zählt zu den Epoxiden, deren Nebenwirkungen nicht so positiv sind (chemie.de). Im Bau sind Epoxidharze trotzdem weit verbreitet (Deutsche HandwerksZeitung, 2013). Sie werden außerdem oft als Grundierung von Bodenbelägen genutzt (raumaustattung.de).

Die Chemie-Industrie hat bisher eine lange Liste von Unfällen, Katastrophen und Zerstörungen verursacht, Minamata, Seveso, Bhopal, Vietnam, und viele andere. Sie soll chemical hazards reduzieren (Übersicht Cornell University, USA). Zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen listet die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie auf. Deutschland hat viele Gefahren einfach ausgelagert und lässt sich die Produkte billig liefern. Die teils schwarze, giftige Brühe des Buriganga-Flusses in Dhaka, Bangladesch (dazu ein weiteres Bild und Infos: IRIN, 2009) mit isländischem Silfra-Wasser zu vergleichen, wäre gemein. Dasselbe gilt für den Citarum in Indonesien, für den die indonesische Regierung allerdings ein sehr ernst gemeintes, großes Reinigungsprogramm durchzieht – als Reaktion auf einen Dokumentarfilm! (The Jakarta Post, 2018). In beiden Ländern ist die ungefilterte Einleitung von Chemikalien der Textilindustrie bzw. Textil- und Lederindustrie ein Hauptverursacher, und auch Bangladesch blieb nicht untätig. Beim Gerben von Leder können ungefährlichere Chrom-Verbindungen verwendet werden, effizientere Verfahren, oder gleich Natur-Gerbstoffe (HR/ARD, 2015). Natürliche Gerbstoffe können aus vielen Pflanzen gewonnen werden, wie früher (Spektrum der Wissenschaft). Als Ersatz für Tierhäute ist der Zunderschwamm nicht mal alleine, und er enthält darüber hinaus ein Antibiotikum, Chloramphenicol, wie aus „einem chemischen High-Tech-Labor“ (chemieunterricht.de). Weitere Tierhaut-Ersatzstoffe: Ananas- oder Eukalyptusblätter, Pilze, Kork (utopia.de, verschiedene Hersteller.

Es ist lange her, dass Mühlheim an der Ruhr deutsche Lederhauptstadt war, dass Elberfeld und Barmen (heute Stadtteile von Wuppertal) bedeutende Textilstandorte waren (Industriekultur NRW). Die vormals fischreiche Wupper wurde zum „schwarzen Fluss“ (LANUV NRW). Rhein, Ruhr und Emscher entwickelten sich durch Bergbau, Chemie, Haushalts- und Industrieabwässer zu überlasteten Kloaken.

Düsseldorf am Rhein. Foto © Alexostrov, 2008. CC BY-SA, Wikimedia Commons.

Düsseldorf am Rhein. Foto © Alexostrov, 2008. CC BY-SA, Wikimedia Commons. Die Zeit der chemical hazards ist nicht vorbei. Im BASF-Werk Ludwigshafen gab es 2016 eine Explosion (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2018), dabei 5 Tote und 45 Verletzte. Als 2018 Lösungsmittel in den Rhein flossen (Stuttgarter Nachrichten), sah BASF „keine Gefährdung“, obwohl eines der Mittel wassergefährdend ist. Bayer oder andere Konzerne reagieren in solchen Fällen ganz ähnlich. Und es gibt neue Probleme, wo auch immer der Rhein langfließt: Kläranlagen filtern Mikroplastik noch nicht raus (DLF Kultur, 2016).

Ein Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung von 2012 beschreibt die Industriegeschichte der drei Flüsse, vor allem des Rheins. Der Artikel geht außerdem auf Folgen wasserbaulicher Maßnahmen ein. Die aus der Überlastung folgenden Probleme wurden schon erkannt als es größere Umweltschutzbewegungen noch nicht gab. Der 1930 gegründete Wupperverband baute zunächst Klärwerke, führte später biologische Abwasserbehandlung ein, gab bis in die 1960er aufbereitetes Biogas (!) als Kfz-Treibstoff ab oder ließ es von Gasmotoren verstromen. Doch insgesamt hat es über 100 Jahre gedauert, bis wieder Fische in der Wupper gesehen wurden. Ähnliches berichten Ruhrverband, Emschergenossenschaft / Lippeverband, die Arbeitsgemeinschaft Rhein-Wasserwerke als Teil eines nationalen und internationalen Rhein-Netzwerks.

The Daily Star aus Bangladesch interviewte 2016 den emeritierten Professor und Spezialisten für Wasserressourcen und Klimawandel, Ainun Nishat.

„I am often asked if the water quality of Buriganga can be restored. (…) One hundred years ago, the condition of River Tames or the Clyde or the Rhine was as bad as the condition of the Buriganga today. But through proper enforcement of the law, it was possible to clean the effluents and bring the rivers to normal condition.“ – sinngemäß: Ich werde oft gefragt, ob die Wasserqualität des Buriganga wiederhergestellt werden kann. Vor hundert Jahren war der Zustand der Themse, des Clyde oder des Rheins so schlecht wie der Zustand des Buriganga heute. Aber als Gesetze richtig angewendet wurden, war es möglich, die Abwässer zu reinigen und die Flüsse in normalen Zustand zu bringen.

Ein Ziel der Chemiewende ist, dass bestimmte Abwässer gar nicht erst entstehen.


letzte Änderungen: 26. Juli 2018, nur kleinere Korrekturen

Ergänzungen zum Thema Chemiewende folgen noch

von: Sylvia Schmidt veröffentlicht am 22. Juli 2018
Themen - Kategorien: Frieden, Gesundheit, Notrufe, Kriege, Krisen, Politik - International, Umweltschutz, Verbraucher - Info, Wirtschaft
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